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Vor Gott zählen nur Glaube und Gute Werke

Wortlaut und Sinn der „Anklopf-Zeremonie“ an der Wiener Kapuzinerkirche.

Wien (kathnews). Am kommenden Samstag wird der verstorbene Erzherzog Otto von Österreich gemeinsam mit seiner 2010 verstorbenen Ehefrau in Wien zur letzten Ruhe geleitet. Zunächst findet im Stephansdom ein Pontifikalrequiem mit Kardinal Christoph Graf von Schönborn statt. Im Anschluss werden die Särge von Otto und Regina von Österreich in einem Trauerkondukt durch die Innenstadt der österreichischen Hauptstadt geleitet, vorbei an der Hofburg, hin zur ehrwürdigen Kapuzinerkirche. Unter dieser Kirche befindet sich die traditionelle Grablege der kaiserlichen Familie, die Kapuzinergruft. Wie 1989 bei der Beisetzung von Kaiserin Zita, wird es auch am kommenden Samstag, wenn der Trauerkondukt vor der Kapuzinerkirche angekommen ist, eine Anklopf-Zeremonie geben, allerdings in einer angepassten Form.

Die geistliche Bedeutung dieser Zeremonie liegt in der christlichen Glaubensüberzeugung, dass der Mensch nicht mit den ererbten Titeln und Würden vor Gott treten kann, auch nicht mit den Ehrungen und Auszeichnungen, die ihm - wenn auch verdient - in seinem irdischen Leben zuteilwurden. Vor Gott zählen nur der Glaube und die aus dem Glauben erwachsenen Guten Werke, die ein Mensch in seinem Leben erbracht hat. Die zweimalige Antwort des Kapuzinerpaters „Wir kennen ihn nicht!“ bedeutet daher, dass all dies irdisch ist und auf dieser Erde zurückbleibt. Einlass in die Kirche findet der Verstorbene als „sterblicher, sündiger Mensch“ – also so, wie jeder Mensch vor Gottes Richterstuhl tritt: demütig und angewiesen auf die Barmherzigkeit Gottes.



Kathnews dokumentiert die Anklopf-Zeremonie für Erzherzog Otto von Österreich im Wortlaut: Zu Beginn der Zeremonie klopft der Zeremonienmeister dreimal gegen das Tor der Kirche und ein Kapuzinerpater fragt: „Wer begehrt Einlass?“

Der Zeremonienmeister antwortet ihm: „Otto von Österreich, einst Kronprinz von Österreich-Ungarn, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, Großherzog von Toskana und Krakau, Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steyer, Kärnten, Krain und der Bukowina, Großfürst von Siebenbürgen, Markgraf von Mähren, Herzog von Ober- und Niederschlesien, von Modena, Parma, Piacenza und Guastalla, von Auschwitz und Zator, von Teschen, Friaul, Ragusa und Zara, gefürsteter Graf von Habsburg und Tirol, von Kyburg, Görz und Gradisca, Fürst von Trient und Brixen, Markgraf von Ober- und Niederlausitz und in Istrien, Graf von Hohenems, Feldkirch, Bregenz, Sonnenberg etc., Herr von Triest, von Cattaro und auf der Windischen Mark, Großwojwode der Wojwodschaft Serbien., etc., etc.“

Hierauf entgegnet der Kapuzinerpater: „Wir kennen ihn nicht!“ An dieser Stelle klopft der Zeremonienmeister erneut dreimal gegen das verschlossene Tor der Wiener Kapuzinerkirche, und bittet um Einlass für den Verstorbenen. Es folgt die erneute Frage des Priesters: „ Wer begehrt Einlass?“

Die Antwort des Zeremonienmeisters lautet: „Dr. Otto von Habsburg, Präsident und Ehrenpräsident der Paneuropa-Union, Mitglied und Alterspräsident des Europäischen Parlamentes, Ehrendoktor zahlreicher Universitäten und Ehrenbürger vieler Gemeinden in Mitteleuropa, Mitglied ehrwürdiger Akademien und Institute, Träger hoher und höchster staatlicher und kirchlicher Auszeichnungen, Orden und Ehrungen, die ihm verliehen wurden in Anerkennung seines jahrzehntelangen Kampfes für die Freiheit der Völker, für Recht und Gerechtigkeit.“ Und auch nach dieser Antwort wird der Pater die verschlossene Tür nicht öffnen.

Der Zeremonienmeister klopft ein letztes Mal gegen das Tor und verlangt somit Einlass für den Verstorbenen. Erneut fragt der Kapuziner: „ Wer begehrt Einlass?“, worauf ihm der Zeremonienmeister antwortet: „Otto – ein sterblicher, sündiger Mensch!“. Der Priester wird ihm dann zur Antwort geben: „So komme er herein!“. Anschließend werden die Särge von Otto und Regina von Österreich in die Gruft unterhalb der Kapuzinerkirche gebracht, wo das Kaiserpaar die letzte Ruhe finden wird.

Foto: Kaiserliches Wappen

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Benjamin Greschner

12.07.2011, 17:41